Dienstag 21. Februar 2017
myKathpress LOGIN

Berlin: Kritik an Fachmesse mit Leihmütter- und Eizellangeboten

Erste Verbrauchermesse für Paare mit Kinderwunsch in Deutschland öffnet vor allem ausländischen Anbietern den lukrativen deutschen Markt - Scharfe Kritik aus Kirchen und Politik
17.02.2017, 13:49 Uhr Deutschland/Reproduktionsmedizin/Ethik/Kirche/Politik
Berlin, 17.02.2017 (KAP/KNA) Die Kirche warnt vor Anbietern auf der ersten Kinderwunsch-Messe am Wochenende in Berlin, die mit "ethisch nicht vertretbaren und in Deutschland verbotenen reproduktionsmedizinischen Techniken" werben. "Sie wollen offensichtlich an der anonymen Samenspende, der Eizellspende oder der Leihmutterschaft verdienen", kritisierte Bischof Gebhard Fürst, der Vorsitzende der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), am Freitag im Interview der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Bei allem Verständnis für Paare mit Kinderwunsch sei so ein kommerzielles Format nicht der angemessene Rahmen.

Die Eizellspende etwa sei mit massiven Eingriffen in die körperliche Unversehrtheit der Spenderin verbunden, so Fürst: "Wir wissen aus Ländern, in denen diese Technik erlaubt ist, dass eine Ausbeutung von Frauen in prekären Verhältnissen droht." Zudem sei nicht auszuschließen, "dass sogar Embryonen mit bestimmten ausgesuchten Eigenschaften für die Adoption hergestellt und zu entsprechenden Preisen angeboten werden".

Andere Angebote wie "Vollchromosomen Screening" oder "individuelle Präimplantationsdiagnostik" dienten vor allem dazu, Leben, das nicht einer bestimmten Norm entspreche, im Frühstadium auszusondern, warnte der Bischof weiter: "Diese Art von Selektion ist ethisch verwerflich und abzulehnen."

Auch Leihmutterschaft sei "ein ethisch völlig inakzeptables Mittel, einen Kinderwunsch zu erfüllen" und ein Angriff auf die Menschenwürde aller Beteiligten: "Sie instrumentalisiert die Frauen, die sich oft aufgrund wirtschaftlicher Zwänge gedrängt sehen, ihren Körper zur Verfügung zu stellen. Sie behandelt Kinder wie Objekte, über die Verträge abgeschlossen werden."

Aus Sicht der Kirche sei es ein nachvollziehbarer Wunsch, Kinder zu bekommen, ergänzte Fürst: "Aber wir müssen auch anerkennen, dass das menschliche Leben Grenzen hat und dass sein Entstehen unverfügbar ist." Auch in anderen Bereichen gebe es oft Pläne und Wünsche, die nicht realisiert werden könnten.

Die Messe, so Fürst, solle Anlass sein für eine intensivere Debatte über neue reproduktionsmedizinische Möglichkeiten. Sonst entstehe der Eindruck, "dass wir Menschen uns in der Fortpflanzung dem technologischen Fortschritt zu unterwerfen haben. Besonders Frauen, die mit schwierigen Fragen alleingelassen werden, spüren den Druck, alles, was machbar ist, auch umzusetzen."

"Full-Service-Kinderwunschzentrum"

Nicht nur von den Kirchen gibt es heftige Kritik an den Messe-Anbietern. Die erste Verbrauchermesse dieser Art in Deutschland öffnet vor allem ausländischen Anbietern den lukrativen deutschen Markt. "Wenn man eine solche Messe veranstaltet und dort auch für hierzulande illegale Methoden wirbt, geschieht das in erster Linie nicht, weil man diesen Paaren helfen will, sondern aus rein kommerziellen Interessen", beklagte der Gesundheitsexperte der Grünen, Harald Terpe.

Nach dem Deutschen Register für In-Vitro-Befruchtung (IVF) wurden 2015 in den 134 deutschen Behandlungszentren knapp 58.000 Frauen behandelt. Insgesamt kamen laut letzter offizieller Statistik 2014 in Deutschland 9.140 Kinder nach Anwendung künstlicher Reproduktionsmethoden zur Welt. Viele Paare lassen sich inzwischen aber auch im Ausland behandeln.

Dafür macht die Messe umfangreiche Offerten, die die Hauptanbieter gleich ins Deutsche übersetzt haben. So lädt das Oregon Reproductive Medicine (ORM) in sein "Full-Service-Kinderwunschzentrum" an der US-Pazifikküste ein. Dabei wirbt das ORM mit hohen Standards bei der Auswahl der "Eizellspenderinnen in unserem ORM Donors Programm" und einem "Vollchromosomen Screening" sowie mit individueller "Präimplantationsdiagnostik".

Auch beim "IVF Spain Alicante" gehört die Eizellspende zum Angebot. Dem Kunden verspricht die Firma "vom TÜV weit über dem spanischen Durchschnitt zertifizierte Schwangerschaftsraten". Passendes Sperma kann man bei der Fairfax-Cryobank in "nur drei Schritten" finden. Bei der Auswahl unter Ethnie, Haarfarbe und Augenfarbe kann der Kunde etwa die Kombination eines rothaarigen Kaukasiers mit grünen Augen auswählen. Die Spender sind anonymisiert.

SPD-Gesundheitsexperte Rene Röspel sagte dazu, ihn ärgere vor allem, "dass hier suggeriert wird, die Reproduktionsmedizin ist ganz einfach". Aber "von sieben behandelten Frauen gehen sechs am Ende ohne Kind nach Hause". Viele Betroffene kämen in eine hoffnungslose Situation. Die Angebote führten zu einer "unmenschlichen Beliebigkeit".

Nach Auffassung des familienpolitischen Sprechers der Unions-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg, "degradiert die Leihmutterschaft ein Kind zum Bestellobjekt"; die Frau werde ein "käufliches Mittel zum Zweck", so Weinberg weiter: "Auch wenn ich Verständnis habe, dass Kinderlosigkeit großes Leid auslösen kann, rechtfertigt das nicht, Dritte zur eigenen Wunscherfüllung zu instrumentalisieren".

Der Gesetzgeber spricht ferner von einem "einschneidenden Eingriff" in die Persönlichkeit des Kindes und will die intime "Mutter-Kind-Beziehung, die in der Schwangerschaft beginnt", schützen. Weinberg sieht "die Staatsanwaltschaft in der Pflicht, die Werbung ausländischer Anbieter von Leihmutterschaft auf den Kinderwunsch-Tagen in Berlin zu untersagen".

Anne Meier-Credner vom Verein "Spenderkinder" betonte, es sei erschreckend, dass "die Hauptaussteller in Berlin ausländische Kliniken sind, die weiterhin anonyme Keimzellspenden anbieten". Gleichzeitig würden in Deutschland Kinder aus Samenspenden um die Kenntnis ihres leiblichen Vaters ringen - bislang oft vergeblich.

DBK-Sprecher Matthias Kopp betonte, "dass grundsätzlich das Wohl des Kindes und seine Rechte Vorrang vor anderen Erwägungen haben müssen". Entsprechend besorgniserregend sei es, "dass nun sogar kommerzielle Anbieter aus dem Ausland Gelegenheit erhalten, Praktiken der Reproduktionsmedizin vorzustellen, die in Deutschland aus sehr guten Gründen verboten sind".
  • Foto
  • Audio
  • Video
  • "Hälfte der Seelsorger möchte Pfarrstrukturen lieber nicht verändern"

    18.02.2017, 07:56 Uhr
    Studienleiter Prof. Christoph Jacobs über Situation der Seelsorger in der Erzdiözese...

    Multikulturalität ist "Spezifikum" der Erzdiözese Wien

    18.02.2017, 07:54 Uhr
    Studienleiter Prof. Christoph Jacobs über Situation der Seelsorger in der Erzdiözese...

    "Risiken bei Übergewicht, fehlender Bewegung und Alkoholkonsum"

    18.02.2017, 07:45 Uhr
    Studienleiter Prof. Christoph Jacobs über die Gesundheit der Seelsorger in der...

    "Verteilen von Seelsorgerinnen bei gleichbleibender Struktur keine Lösung"

    18.02.2017, 07:42 Uhr
    Schlussfolgerungen von Generalvikar Nikolaus Krasa über die Seelsorge-Studie in der...
Die neue Kathpress-APP ist da!

Hier kostenlos die neue Kathpress-APP herunterladen Hier kostenlos die neue Kathpress-APP herunterladen

Jetzt kostenlos herunterladen!  » mehr Infos

Letzte Tweets

© 1947-2017 KATHPRESS - Katholische Presseagentur Österreich
Darstellung:
http://www.kathpress.at/