Bereits 700.000 Menschen auf der Flucht - "Initiative Christlicher Orient" hilft aus Südlibanon Geflüchteten mit Nahrungsmitteln - Missio richtet Blick auf traumatisierte Kinder - Diakonie: Humanitäre Situation eskaliert
Beirut/Linz, 10.03.2026 (KAP) Mit einem dringlichen Spendenaufruf für die Opfer des Krieges im Libanon hat sich am Dienstag die "Initiative Christlicher Orient" (ICO) zu Wort gemeldet. Das Linzer Hilfswerk ist seit vielen Jahren im Libanon aktiv. Bereits im Krieg 2024 hat die ICO über ihre lokalen Partner zahlreiche Vertriebene unterstützt "und das wollen, ja müssen wir jetzt auch wieder tun", so ICO-Obmann Slawomir Dadas gegenüber Kathpress. So sollen etwa Bewohner von Massenquartieren mit warmen Mahlzeiten, andere mit Lebensmittel und Hygiene-Artikeln versorgt werden. Auch Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser zeigte sich angesichts einer "eklatanten Lücke in der öffentliche Aufmerksamkeit" besorgt: Anders als etwa in der Ukraine-Berichterstattung komme im Nahen Osten das Thema humanitäre Katastrophen kaum vor.
Der libanesische Staat sei mit der Versorgung der Hundertausenden Vertriebenen überfordert. Insofern komme den Hilfsorganisationen im Land große Bedeutung zu, betonte Dadas. Nur seien diese ohne Spenden auch nicht handlungsfähig.
Nachdem die Hisbollah mit Angriffen auf Israel begann und das israelische Militär seit Tagen mit voller Härte zurückschlägt, sind die Folgen für den Libanon und seine Bewohner verheerend. Wie ICO-Projektreferent Stefan Maier berichtete, seien noch längst nicht einmal die Schäden des letzten Krieges im Südlibanon vollständig beseitigt. Viele Bewohner der Dörfer im Grenzgebiet zu Israel, das damals zum Kampfgebiet geworden war, konnten erst vor Kurzem in ihre Häuser zurückkehren - nun seien sie wieder auf der Flucht.
Die Angaben zur Zahl der Vertriebenen erreichte am Dienstag über 700.000. Rund 700 Massenquartiere, zumeist öffentliche Schulen, wurden im ganzen Land eingerichtet; mehr als 130.000 Vertriebene sollen dort beherbergt sein. Viele sind bei Verwandten, Bekannten oder Gastfamilien untergekommen. Andere hätten Unterkünfte in als sicher geltenden Landesteilen gemietet, hieß es. Aber: "Selbst in Parks und auf öffentlichen Plätzen campieren und schlafen ganze Familien, die sonst nirgendwo Unterschlupf finden konnten", so Maier.
Trotz der prekären Lage würden die Bewohner einiger christlicher Ortschaften im Grenzgebiet zu Israel in ihren Dörfern ausharren, so der Nah-Ost-Experte. "Sie fürchten, dass im Fall ihrer Flucht ihre leerstehenden Häuser geplündert oder besetzt werden könnten - sei es von anderen Vertriebenen oder Hisbollah-Kämpfern."
Nachdem am Montag ein Priester vor Ort bei einem israelischen Bombenangriff ums Leben kam, werde es nun wohl eine neue Fluchtwelle geben, "wobei viele Menschen einfach auch nicht mehr wissen, wohin sie noch flüchten sollen, da sie kein Dach mehr über dem Kopf haben". Maier bekräftigte, dass die libanesische Bevölkerung kriegsmüde sei: "Sie hat genug von den ständigen bewaffneten Auseinandersetzungen mit Israel."
Missio startet Nothilfe
Auch Missio Österreich hat die Nothilfe für den Libanon ausgeweitet und bittet dringend um Spenden. Aufgrund des großen Andrangs seien die vorhandenen Hilfsgüter der Projektpartner der Päpstlichen Missionswerke beinahe aufgebraucht, teilte die Hilfsorganisation am Dienstag mit. "Gerade ältere Personen, Schwangere, Kinder haben es zurzeit besonders schwer. Helfen wir bitte unseren Schwestern und Brüdern in Not im Libanon rasch", appellierte Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner an heimische Spenderinnen und Spender.
Dringend benötigt werden überlebenswichtige Medikamente, Lebensmittelpakete und Hygieneartikel, wandte sich auch Missio-Projektpartnerin Schwester Annie Demerjian mit einem Hilferuf an die österreichische Bevölkerung.
Die Preisträgerin der an herausragende Missionare verliehenen Auszeichnung "Emil" wies auch auf die psychische Dauerbelastung der Bevölkerung hin. Besonders betroffen seien schutzbedürftige Menschen wie Kinder, Neugeborene, ältere Personen und schwangere Frauen. In der von Missio Österreich geförderten "Astra Academy" in Beirut kümmert sich Demerjian besonders um traumatisierte Kinder. Durch Spiele, Musik und Gemeinschaft sollen sie einen geschützten Ort finden, der ihnen Erholung und Stabilität bietet.
Diakonie: Humanitäre Situation im Nahen Osten eskaliert
"Die Menschen im Libanon brauchen jetzt vor allem Schutz, Sicherheit und konkrete humanitäre Unterstützung. Viele Familien haben innerhalb kürzester Zeit alles verloren und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Die internationale Gemeinschaft darf sie in dieser Situation nicht alleinlassen", appellierte Diakonie-Direktorin Moser in einer weiteren Aussendung am Dienstag.
Das evangelische Hilfswerk warnte zudem vor "einem neuen Vakuum humanitärer Hilfe in Gaza" weitgehend unbeachtet von der internationalen Berichterstattung. So seien etwa Grenzübergänge wie Rafah und Zikim, über die zuletzt Hilfsgüter in den Gaza-Streifen kommen konnten, wieder geschlossen worden. Auch Treibstoff, der für den Betrieb von Generatoren von Krankenhäusern und Wasseraufbereitungsanlagen gebraucht wird, könne nicht mehr geliefert werden. "Die Gesundheits- und Wasserversorgung steht vor dem Kollaps, die Seuchengefahr steigt. Auch medizinische Evakuierungen sind stark beeinträchtigt", so die Diakonie.