Italien: Bunte Tradition beim "Engelrennen" am Ostersonntag
26.03.202613:14
Italien/Kirche/Ostern/Brauchtum/Tourismus und Freizeit
Italien pflegt viele farbenfrohe Festbräuche. Besonders bunt und bewegt geht es zu Ostern auf der Insel Ischia zu, seit über 400 Jahren - Kathpress-Korrespondentenbericht von Sabine Kleyboldt
Rom, 26.03.2026 (KAP) Auf der italienischen Insel Ischia kommt die Botschaft von der Auferstehung auf acht Beinen daher. Das beliebte "Engelrennen" ("Corsa dell'Angelo") mobilisiert am Ostersonntag ganz Forio, den größten Ort der Insel im Golf von Neapel. Die über 400 Jahre alte Mischung aus Prozession und religiösem Schauspiel stellt symbolisch und hochemotional die Begegnung der Gottesmutter mit ihrem auferstandenen Sohn dar. Touristen lieben die farbenfrohe Tradition, für viele Einheimische das wichtigste Ereignis des Jahres.
Schon am Morgen liegt gespannte Vorfreude über dem süditalienischen Küstenort. Oben vor der Kirche Santa Maria Visitapoveri sammeln sich Männer in strahlendweißen Gewändern und himmelblauen Überwürfen um die Statue des Christus und des Erzengels Gabriel. Vorweg tragen sie die historische türkisfarbene Standarte und das Kreuz der Erzbruderschaft Santa Maria Visitapoveri, die das Mysterienspiel seit den Anfängen um 1620 organisiert.
Nun schultern acht Träger den goldenen Engel, eine Kopie der 1618 geschaffenen Holzstatue von Vincenzo Mollica, und den auferstandenen Christus. Unter Sang und Klang von Gästen, Gemeinde und Blaskapelle geht es hinab zum zentralen Corso von Forio. Nahe dem Brunnen kommt der Zug zum Stehen.
Nur vier Familien dürfen die Statuen tragen
Unterdessen warten an der Kreuzung vor der Basilika Santa Maria di Loreto, nur einige Dutzend Meter vom Brunnen entfernt, aber außer Sichtweite, die Muttergottes und der Jünger Johannes. Das über Generationen vererbte Vorrecht, die Heiligenfiguren auf den Schultern zu tragen, gebührt nur vier Familien in Forio und kann im entscheidenden Moment verloren gehen. Doch der ist noch fern.
Erst einmal beginnt die wahre Mission des Engels - und seiner Träger: losrennen und der trauernden Muttergottes frohe Kunde bringen. Unter den anfeuernden Rufen der Menge eilen die vier Männer in wehenden Gewändern zu Maria, die mit einem weißen Spitzenschleier bedeckt ist. Der Engel auf seinem Sockel scheint zu hüpfen, die Träger schwitzen.
"Wir sind für das hier geboren"
Bloß nicht stolpern auf dem unebenen Pflaster, nur nicht mit einem Zuschauer zusammenstoßen oder gar die kostbare Last fallenlassen. Vor Maria angekommen, muss sich der Erzengel vor ihr verbeugen. Für seine beiden vorderen Träger heißt das: Knie Richtung Boden, Rücken krümmen, und das mit fast hundert Kilo Last auf den Schultern, wie einer der Männer stolz berichtet. Ob er vorher im Fitnessstudio trainiert hat? Der Mittzwanziger schüttelt gemessen den Kopf: "Wir sind für das hier geboren."
Geprobt wird dennoch etwa einen Monat vor Ostern unter den Trägern der Familienclans, die zwecks Entlastung immer aus mehreren Quartetten bestehen. Sie trainieren vor allem Balance und das synchrone Bewegen. Denn gerät nur einer aus dem Gleichgewicht, drohen alle wie Dominosteine übereinander zu purzeln.
Erstmals "tragende Rolle" für Frauen
Jahrhundertelang hielt man Frauen beim Engelrennen nur zum Schmücken der Statuen für würdig. Ostern 2025 dann die Premiere: als allererste Frau erhält die junge Felicia eine "tragende Rolle" im "Team Madonna"; ein Tribut an den Zeitgeist und auch an die abnehmende Zahl von Engagierten. Viele wollen sich nicht mehr über Wochen verpflichten.
Doch nun gilt es erst einmal, Maria das Unglaubliche zu verkünden: Dein Sohn hat den Tod besiegt, er ist auferstanden. Dazu stimmt ein rustikaler Chor aus Fischern und Handwerkern die österliche Antiphon "Regina Coeli" an, jenen uralten lateinischen Gesang, der in der katholischen Kirche von Ostersonntag bis Pfingsten gebetet oder gesungen wird: "Freue dich und frohlocke, Himmelskönigin, Alleluja, denn der Herr ist wahrhaft auferstanden, Alleluja", singen die Männer, nicht sehr melodisch, aber laut und voller Inbrunst. Sie verkörpern die einst wichtigsten Berufsstände in dem Küstenort.
Noch glaubt Maria die Botschaft nicht. Wieder rennen die Männer zurück zur Christusstatue und die wartenden Menschen um Forios Pfarrer Don Beato Scotti.
Aller guten Dinge sind drei
Doch auch zu Ostern auf Ischia sind aller guten Dinge drei. Nach dem dritten Anlauf schenkt Maria dem Erzengel endlich Glauben: Ihr Sohn ist wahrhaft auferstanden. Dies markiert den ergreifendste Moment des Morgens: Im Augenblick ihrer Erkenntnis fällt der Schleier von der Madonna ab, der aber keinesfalls zu Boden gleiten darf. Die Glocken der zahlreichen Kirchen Forios läuten, von den Balkonen regnet es bunte Papierschnitzel und Blütenblätter herab. Alle stimmen in das "Alleluja" ein, ob Touristen oder Ischitaner.
Angeführt vom Engel werden Johannes und die Muttergottes nun feierlich zum wartenden Christus getragen. Die Madonna ist mit ihrem Sohn vereint, Don Beato Scotti schwenkt enthusiastisch das Weihrauchfass vor beiden Statuen.
Historische Standarte mit Federbusch
Der Osterbraten ist aber zeitlich noch in weiter Ferne: Noch über eine Stunde werden die vier Statuen in einer Prozession durch den Ort getragen, bis hinauf nach San Vito und hinunter zum Meer, um wirklich allen die Frohe Botschaft zu bringen.
Außer der abschließenden Ostermesse in der Basilika wartet noch ein weiterer spannender Moment: Das Oberhaupt von Team Engel muss sich mit der historischen Standarte verbeugen, ohne dass der lange, schwere, mit Federn geschmückte Stab den Boden berührt; ansonsten verlöre der Clan das Tragerecht an eine andere Familie.
Doch auch diesmal endet der Moment höchster Konzentration glücklich: Weder Federn noch Holzstab touchieren die Erde. Erst jetzt heißt es wirklich auf Ischia: Buona Pasqua.
Kathpress-Schwerpunkt mit zahlreichen Meldungen zum Thema Karwoche und Ostern unter www.kathpress.at/ostern