Wiener Erzbischof im Interview mit "Tiroler Tageszeitung" über gesellschaftspolitisches Engagement der Kirche, Debatte um den Zölibat und die Aufgabe der Kirche, Menschen tiefer hin zum Glauben zu führen
Wien/Innsbruck, 05.04.2026 (KAP) Der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl hat sich für eine mutigere Kirche ausgesprochen, die im gesellschaftlichen Diskurs an gebotener Stelle auch lauter die Stimme erhebt. Im Osterinterview mit der "Tiroler Tageszeitung" (TT, Sonntag) unterschied Grünwidl - auf die politische Dimension des Christentums angesprochen - zwischen Parteipolitik und Gesellschaftspolitik: "Die Kirche ist gefragt, wo es um gesellschaftspolitische Fragen geht. Wir sollten als Christen mutiger und lauter werden. Wir sind gefragt, wo es um die Pole des Lebens geht, vom Schutz des Lebens vom ersten Augenblick der Empfängnis an bis zum Ende des Lebens. "
Zugleich brach der Erzbischof eine Lanze für einen starken Sozialstaat. "Es kann sein, dass es in Einzelfällen Regelungen gibt, die nicht gut oder ungerecht sind. Aber ich denke, wir sind ein Sozialstaat und dürfen die Armen und die Schwächeren nicht abhängen."
Im Blick auf schwindende Katholikenzahlen plädierte Grünwidl dafür, "weniger zu schauen, wie viele wir sind, sondern dass wir in die Tiefe gehen". Die Menschen suchten Spiritualität und Mystik. Um aber das christliches Gottesbild verkünden und weitergeben zu können, müsse man selbst verwurzelt sein. Vielleicht habe man in den vergangenen Jahrhunderten, in denen man in Österreich katholisch war, zu wenig darauf geschaut, dass Menschen im Glauben wirklich eine persönliche Beziehung zu Christus aufbauen, so der Erzbischof: "Das ist jetzt unsere Aufgabe, Menschen in die Tiefe zu führen. Da geht es um Mystik und darum, mit Gott verwurzelt und eng verbunden zu sein." Die Kirche mit einer 2.000-jährigen Geschichte habe einen großen Schatz an Traditionen und Formen der Spiritualität. Diese müsse man immer wieder ins Heute übersetzen.
Auf den Zölibat angesprochen, sagte der Erzbischof, er sei davon überzeugt, "dass der Zölibat eine tolle Lebensform ist. Ich lebe selbst seit fast 40 Jahren so". Seine Frage laute aber, "ob zölibatäres Leben immer eine Voraussetzung sein muss, um Priester sein zu können. Bei unseren orthodoxen und evangelischen Schwesterkirchen ist das anders". Als Rezept gegen den Priestermangel sehe er die Abkehr vom verpflichtenden Zölibat aber jedenfalls nicht. Grünwidl: "Ein Abgehen vom Zölibat oder die Frauenfrage werden nicht dazu führen, dass die Kirche wieder explodiert und wächst und wieder die Massen begeistert."
Es sei eine theologische Frage, die man klären müsse, so der Erzbischof: "Es war auch in unserer Kirche nicht immer so, dass der Zölibat vorgeschrieben war. Ich wäre glücklicher, wenn man über diese Frage nachdenkt und dann sagt, wer sich für das zölibatäre Leben berufen fühlt, soll das so leben - aber dass es auch die Möglichkeit gibt, mit Familie Priester zu sein."
Auf den Wiener Dompfarrer Toni Faber angesprochen, der, wie es die TT formulierten, "seinen Grenzgang am Rande des Zölibats öffentlich und bei Veranstaltungen mit einer ständigen Begleiterin" lebt, meinte Grünwidl: "Ich schätze Toni Faber sehr, wir sind gemeinsam zum Priester geweiht worden. Er ist sehr fleißig, ständig unterwegs und mit vielen Menschen im Gespräch. Er tauft, feiert Hochzeiten und begleitet Menschen in Krankheiten und bei Todesfällen. Das ist großartig. Beim Zölibat hat er aber eine Lösung gefunden, mit der ich mir schwertue. Wir sind im Gespräch, um eine Lösung zu finden."
Dass er auch als Erzbischof seelsorglichen Aufgaben nachkommen kann, funktioniere recht gut, berichtete Grünwidl: "Der Mittwochnachmittag ist reserviert, irgendwohin zu kommen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Auch an den Sonntagen bin ich in den Pfarren unterwegs. Da gibt es viele Begegnungsmöglichkeiten."
Auf die künftige Aufgabenverteilung in der Österreichischen Bischofskonferenz angesprochen, sagte Grünwidl, er sehe sich derzeit nicht als Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Nachsatz: "Vielleicht irgendwann einmal, aber nicht in nächster Zeit."