ÖVP-Ministerin im Kathpress-Interview: "System nicht auf demografische Veränderungen ausgelegt" - Personalmangel und Kritik an Auslandszivildienst - Jede sechste Zivildiensteinrichtung konfessionell - Caritas größter konfessioneller Zivildienst-Träger
Wien, 02.05.2026 (KAP) Angesichts eines Rückgangs an Zivildienstleistenden drängt Familien- und Integrationsministerin Claudia Bauer auf eine Reform des Systems, einschließlich einer möglichen Verlängerung des Zivildienstes. "So wie derzeit der Grundwehrdienst und der Zivildienst aufgestellt sind, ist dieses System nicht auf diese demografischen Veränderungen ausgelegt", sagte Bauer im Kathpress-Interview und bezeichnete das Modell als "derzeit nicht zukunftsfit". Ab 2040 würden jährlich rund 4.000 Zivildiener fehlen; aktuell leisten rund 15.000 Männer ihren Dienst. Bauer sprach zudem über die zentrale Rolle kirchlicher Einrichtungen im Zivildienstsystem. Jede sechste Einrichtung ist konfessionell und jeder neunte Zivildiener dort im Einsatz.
Von den 1.480 anerkannten Einrichtungen sind 242 religiösen Trägern zugeordnet, die insgesamt rund 1.770 Plätze bereitstellen. Katholische Einrichtungen stellen über 80 Prozent der konfessionellen Plätze, größter Träger ist die Caritas.
Eine Reform sei auch nötig, "weil die Bevölkerung immer älter wird und der Bedarf in der Pflege, bei Rettungsorganisationen und in der Betreuung steigen wird". Als Argument für eine Ausdehnung des Zivil- als auch Grundwehrdienstes nannte Bauer zudem die Stärkung des "Ausbildungscharakter". Ziel sei es, Qualifikationen etwa in Pflege oder Rettungsdienst zu vertiefen und den Zivildienst stärker als Einstieg in soziale Berufe zu nutzen. "Der Zivildienst ist oft auch ein Sprungbrett, um sich später hauptberuflich oder ehrenamtlich zu engagieren", so die ÖVP-Politikerin.
Kritik an Auslandszivildienst
Kritisch bewertete die Ministerin hingegen die zunehmende Inanspruchnahme von Auslands-Freiwilligendiensten als Ersatz für den Zivildienst. Laut Bauer ist die Zahl in den vergangenen Jahren um das 15-fache gestiegen. Auslandszivildienste. "Das mögen zwar super Erfahrungen sein, wenn man Kinderbetreuung in Indien oder Wiederbewaldung in Costa Rica betreibt. Aber diese Burschen werden dringender in Österreich gebraucht und deswegen stelle ich die Anrechnung hier deutlich infrage", so die Ministerin mit Verweis auf die Lücke bei Zivildienern bei den rund 1.500 unterschiedlichen Zivildiensteinrichtungen in Österreich. Weiters gehe es bei diesen Freiwilligendiensten "nicht primär um stärkere Resilienz oder zivile Landesverteidigung".
Eine Ausnahme macht sie für den Gedenkdienst - beispielsweise in Holocaust-Gedenkstätten in Jerusalem, Yad Vashem oder auch in Auschwitz -, der weiterhin anerkannt bleiben soll. Ein solcher werde zudem der "historischen Verantwortung unseres Landes gerecht", so Minister. Rund 70 junge Männer leisteten 2025 einen solchen Gedenkdienst im Ausland.
Jede sechste Zivildiensteinrichtung christlich
Laut Ministerium wird jeder neunte Zivildiener in einer konfessionellen Einrichtung eingesetzt. Von den 1.480 anerkannten Einrichtungen sind 242 einer Religionsgesellschaft zuordenbar (16,4 Prozent); diese stellen 1.773 der 15.901 Zivildienst-Plätze (11,1 Prozent).
Das konfessionelle System ist dabei nahezu ausschließlich christlich geprägt: 239 der 242 Einrichtungen sowie 1.763 der 1.773 Plätze entfallen auf christliche Träger. Lediglich drei jüdische Einrichtungen in Wien bieten insgesamt zehn Plätze, andere Religionsgemeinschaften sind nicht vertreten. Innerhalb des kirchlichen Bereichs dominiert die katholische Kirche mit rund 80 Prozent der Einrichtungen und Plätze. Größter Träger ist die Caritas, auf die knapp die Hälfte der konfessionellen Einrichtungen und Plätze entfällt.
Von den 242 konfessionellen Einrichtungen sind wiederum 198 Einrichtungen (82 Prozent) und 1.429 Plätze (81 Prozent) katholischen Trägern zuzuordnen. Auf die Evangelische Kirche (Diakonie) entfallen 35 Einrichtungen (14 Prozent) und 262 Plätze (15 Prozent). Die Caritas ist der mit Abstand größte konfessionelle Träger. So entfallen 108 Einrichtungen (45 Prozent) und 877 Plätze (49 Prozent) allein auf verschiedene Caritas-Organisationen.
Weiters stellen 23 kirchliche Krankenanstalten 190 Plätze (11 Prozent der konfessionellen Plätze), davon 20 katholische Ordensspitäler mit 164 Plätzen und 3 evangelische Krankenhäuser mit 26 Plätzen.