Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller im Kärntner "Sonntag": Rückgang religiöser Bindung hat vor allem gesellschaftliche und kirchliche Ursachen - Junge Menschen entscheiden heute eigenständiger über Glauben und Spiritualität
Klagenfurt, 01.08.2026 (KAP) Es ist nicht die "Schuld" von Großeltern, wenn ihre Enkel religiös desinteressiert sind oder andere Wege im Glauben einschlagen als sie selbst. Darauf weist der deutsche Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller in der aktuellen Ausgabe des Kärntner "Sonntag" hin. Viele ältere Menschen fragten sich angesichts der religiösen Distanz ihrer Kinder und Enkel, ob sie bei der Weitergabe des Glaubens versagt hätten. Diese Sorge sei verständlich, greife aber meist zu kurz, so Müller. Er ist Autorin des heuer bei Herder erschienenen Buches "Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht".
Als Beispiel nennt Müller eine Großmutter, die trotz der Taufe ihrer elf Enkel beklage: "Wir haben es nicht geschafft, sie zum Glauben zu bringen." Solche Erfahrungen seien in vielen Familien anzutreffen. Großeltern wollten weitergeben, was ihnen selbst wichtig sei, müssten jedoch erleben, dass ihre Überzeugungen von den nachfolgenden Generationen nicht selbstverständlich übernommen würden. Müller rät, die damit verbundenen Enttäuschungen und Fragen nicht zu verdrängen, sondern offen darüber zu sprechen.
Die religiöse Entwicklung in Familien könne nicht losgelöst von der allgemeinen kirchlichen und gesellschaftlichen Lage betrachtet werden. Religion verliere in Mitteleuropa deutlich an Bedeutung, die Bindung an die Kirchen nehme stark ab. Neben Menschen, die aus der Kirche austreten, wachse auch die Zahl jener, die von vornherein kein Interesse an Religion, Spiritualität oder kirchlichem Leben haben. Unter ihnen seien zunehmend Kinder und Enkel gläubiger Eltern und Großeltern.
Glaueb nicht mehr "in die Wiege gelegt"
Anders als frühere Generationen erhielten junge Menschen heute Gemeinde, Glaubenswelt und religiöse Rituale nicht mehr selbstverständlich "mit in die Wiege gelegt". Zugleich habe die Kirche ihre frühere Deutungshoheit über Spiritualität verloren und sei nur noch eine Anbieterin unter vielen. Jugendliche verfügten dadurch über mehr Freiheit, teilweise aber auch über einen stärkeren Entscheidungsdruck bei der Frage, ob und wie Religion in ihrem Leben eine Rolle spielen solle.
Die Distanz zur Kirche habe zudem konkrete Gründe, betont Müller. Dazu zählten der Missbrauchsskandal, die fehlende Gleichstellung von Frauen und ein negatives öffentliches Erscheinungsbild. Viele junge Menschen würden Kirche vor allem von außen kennen. Ihnen fehlten jene positiven Erfahrungen, die frühere Generationen etwa als Ministranten, bei Zeltlagern, in Jugendgruppen oder in als stärkend erlebten Gottesdiensten gemacht hätten.
Großeltern sollten diese Entwicklungen ernst nehmen, ohne die Verantwortung allein bei sich zu suchen, rät Müller. Der gesellschaftliche Wandel könne sie auch entlasten: In der Regel liege es nicht oder zumindest nicht in erster Linie an ihnen, wenn der Glaube in einer Familie nicht in derselben Form weitergegeben werde wie früher. Zugleich hält der Autor an einer religiösen Hoffnung fest: "Es gibt keine Enkel ohne Gott."
Die Kärntner Kirchenzeitung "Sonntag" beginnt mit dem Beitrag von Wunibald Müller eine mehrteilige Serie mit dem Titel "Wenn Enkeln der Glaube fehlt".
(Buchtipp: Wunibald Müller, "Enkel ohne Gott? Wenn der Glaube in Familien verloren geht", Verlag Herder 2026, 192 Seiten)