Wiener Weihbischof bei vielsprachigem Festgottesdienst im Stephansdom: Anderssprachige Gemeinden als "zweite Heimat" vieler Migranten und Flüchtlinge - Verantwortung gegenüber Menschen auf der Flucht konkret umsetzen
Wien, 27.09.2026 (KAP) Farbenprächtige Trachten, Gebete und Gesänge in 13 Muttersprachen sowie Gaben aus unterschiedlichen Ländern haben die Feier zum "Sonntag der Völker" im Wiener Stephansdom geprägt. Weihbischof Franz Scharl, der in der Bischofskonferenz für die anderssprachige Seelsorge zuständig ist, feierte den Gottesdienst gemeinsam mit zwölf europäischen katholischen Sprachgemeinden Wiens. Die Kirche müsse sich immer neu die Frage stellen, "wie es um ihre Willkommenskultur steht", sagte der Bischof in seiner Predigt. Der "Sonntag der Völker" fiel heuer mit dem 112. Welttag der Migranten und Flüchtlinge zusammen, dessen Motto "Auch nur eines dieser Kinder" auf das Schicksal von Flüchtlingskindern verweist.
Der "Sonntag der Völker" mache alljährlich bewusst, "was Migranten in unserem Land leisten - in der Gesellschaft, in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, genauso aber auch in der Kirche", sagte Alexander Kraljic, Nationaldirektor der katholischen anderssprachigen Seelsorge in Österreich, in seinen Begrüßungsworten. Zugleich vergegenwärtige sich die Kirche an diesem Tag auch, "dass sie kulturell vielfältig und vielsprachig ist". Von einer "Familie Gottes", zu der Angehörige aller Nationen zählten, sprach Bischof Scharl. Wie in jeder Familie sei wichtig, "nicht nur auf das eigene Wohl zu achten, sondern auch auf das des anderen". Gegenüber Menschen anderer Herkunft gelte als Maßstab dafür das Jesus-Wort "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen" (Mt 25,35).
Mehrmals zitierte der Bischof aus der Papst-Botschaft zum Welttag. Leo XIV. verweist darin auf die besonders verletzliche Situation vertriebener Minderjähriger. Millionen Kinder und Jugendliche seien aufgrund von Kriegen, Armut, Gewalt und Umweltkatastrophen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Scharl hob die "traumatischen Umstände" hervor, unter denen viele von ihnen lebten, besonders im Fall einer Trennung von den Eltern oder Teilen der Familie, jedoch auch im Zuge von Rückführungen. Kinder würden besonders leicht Opfer von Menschenhandel, sexueller Gewalt und Zwangsverheiratungen.
"Seit dem 11. Juni ist die Situation noch schwieriger geworden", sprach der Bischof das Inkrafttreten des Asyl- und Migrationspaktes im Rahmen des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in ganz Europa an. Zusätzlich verschärft würde die Situation dadurch, "dass es heute scheinbar eine Lust zum Kriegeführen gibt", stellte Scharl fest.
Angesichts des durch derartige Umstände erzeugtes Leid müsse die Kirche ein "Licht der Solidarität" sein und besonders die am meisten davon Betroffenen im Blick haben, "besonders die Kleinen", so der Bischof, und weiter: "Helfen ist unsere Hausaufgabe als Christen." Das schließe die Hilfe für die Herkunftsregionen zur Minderung der Fluchtursachen ebenso ein wie die Gewährung von Schutz und Aufnahme in den Transit- und Zielländern. "Die Verantwortung, die wir auch als Kirche haben, ist nicht abstrakt", so der Bischof. Die anderssprachigen katholischen Gemeinden setzten diese Verantwortung in die Praxis um, da sie für Migranten und oftmals auch für Menschen auf der Flucht zu einer zweiten Heimat würden.
Bunte Liturgie und Agape
Am Gottesdienst im Wiener Stephansdom beteiligten sich unter anderem die anderssprachigen Gemeinden aus Albanien, Italien, Kroatien, Polen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien und Ungarn sowie aus englisch-, französisch- und spanischsprachigen Ländern. Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden übernahmen Lesungen und Fürbitten, ihre Chöre und Musikensembles die feierliche musikalische Gestaltung. Bei der Gabenprozession wurden landestypische Gaben von Kindern, die in Trachten aus den jeweiligen Herkunftsländern gekleidet waren, zum Altar gebracht, zudem wurde das Vaterunser in den verschiedenen Muttersprachen gebetet.
Im Anschluss gab es eine internationale Agape im Hof des Erzbischöflichen Palais mit kulinarischen Spezialitäten und kulturellen Musik- und Tanzbeiträgen präsentiert. Auch viele gebürtige Wiener nutzten die Möglichkeit des Austauschs und der Begegnung über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.
Die nichteuropäischen anderssprachigen Gemeinden feiern in Wien traditionell zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam. Der Gottesdienst zum "Weltmissionssonntag" findet heuer am 10. Oktober um 10.15 Uhr ebenfalls im Wiener Stephansdom statt und wird erneut von Weihbischof Scharl geleitet.
(Honorarfreie Fotos der Veranstaltung finden Sie unter www.kathpress.at/fotos zum Download)
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