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Theologinnen warnen vor christlich-rechten Netzwerken

15.10.2026 13:41
Österreich/Kirche/Religion/Christentum/Wissenschaft/Politik/Theologie
Linzer Theologin Sigrid Rettenbacher und Salzburger Ethikerin Angelika Walser sehen Gefahren für Demokratie und Menschenrechte - Auch Bischöfe seien gefordert, sich mit neointegralistischen Strömungen auseinanderzusetzen, so die Expertinnen
Wien, 15.10.2026 (KAP) Christlich-rechte Netzwerke nutzen religiöse Überzeugungen, um ausgrenzende Positionen zu verbreiten und liberale Freiheitsrechte infrage zu stellen. In der Debatte über die politische Instrumentalisierung von Religion richte sich der Fokus aber meist nur auf den Islam, obwohl auch das Christentum dazu verwendet werden könne, demokratische Grundrechte - insbesondere Frauenrechte - zurückzudrängen, wiesen die Theologinnen Sigrid Rettenbacher und Angelika Walser am Donnerstag bei einem Online-Mediengespräch des Wissenschaftsnetzwerks "Diskurs" hin. "Religion kann Solidarität, Gerechtigkeit und Gemeinwohl fördern, aber auch starre Identitätsgrenzen festigen und autoritäre Ideologien legitimieren", so die Ethikerin Walser.

Daher seien auch die Bischöfe gefordert, sich mit diesen Strömungen - speziell dem Neo-Integralismus, der katholische Ordnungsvorstellungen anstrebt - auseinanderzusetzen und klar Stellung zu beziehen, so die beiden Expertinnen unisono. Problematische Entwicklungen dürften nicht aus Sorge vor Konflikten unwidersprochen zu lassen.

Die Verantwortung liege nicht allein in der Wissenschaft, so Walser, Universitätsprofessorin für Theologische Ethik und Spirituelle Theologie an der Universität Salzburg. Kritik übte sie vor allem an einer "politischen Naivität", die auch kirchliche Leitungspersonen betreffen könne. Denn: Wer wenig Einblick in Soziale Medien und die dort entstehenden Netzwerke habe, könne deren Reichweite und Strategien unterschätzen. Auch die Priesterausbildung müsse unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven und gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen, statt eine abgeschlossene kirchliche Binnenwelt zu fördern, so Walser.

Netzwerke und Strategien

Gemeinsam sei den christlich-rechten Bewegungen die Ablehnung von Abtreibung, ein patriarchales Familienbild, die Zurückweisung von Rechten homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen sowie die Vorstellung, die eigene Nation müsse christlich geprägt sein, erklärte Rettenbacher, die die an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und der University of Portland in den USA lehrt. Teilweise kämen auch islamfeindliche Positionen und Verschwörungserzählungen hinzu.

Die christliche Rechte sei aber kein einheitlicher Block, erläuterte Rettenbacher. Es handle sich um ein internationales Zusammenspiel von Akteuren aus Politik, Religion, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft, die über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg vernetzt seien.

Rettenbacher nannte auch Strategien wie "Astroturfing": Durch Bots und künstlich erzeugte Reichweite könne der Eindruck entstehen, bestimmte Positionen würden von einer breiten gesellschaftlichen Bewegung getragen, obwohl diese Unterstützung tatsächlich geringer sei. Auch Spenden, akademisch auftretende Einrichtungen und die gezielte Besetzung von Themen spielten eine Rolle. So könnten extreme Positionen schrittweise enttabuisiert und normalisiert werden.

Neo-Integralismus gegen Trennung von Kirche und Staat

Besonders deutlich werde der antidemokratische Anspruch beim Neo-Integralismus, dessen Vertreter anstelle einer pluralistischen Ordnung einen Staat fordern, der eine bestimmte katholische Vorstellung des Gemeinwohls durchsetzt. Die weltliche Staatsgewalt wäre dabei der geistlichen Autorität der Kirche untergeordnet, erklärte Rettenbacher.

Verbreitet würden diese Visionen durch Netzwerke von Theologen, Philosophen, Politikwissenschaftlern und Juristen, die den Liberalismus als politisches Ordnungsmodell grundsätzlich infrage stellten. Zu den mit dem Neo-Integralismus verbundenen Denkern zählten etwa der Philosoph Thomas Pink, der Politikwissenschaftler Patrick Deneen und der Rechtswissenschaftler Adrian Vermeule. Politisch relevant sei auch US-Vizepräsident James David Vance, der in diesem ideologischen Umfeld verortet werde, so die Linzer Theologin. In Deutschland sei das Netzwerk "Europa Aeterna" ein wichtiger Bezugspunkt, in Österreich der Heiligenkreuzer Ordensmann Edmund Waldstein, der sich für einen katholischen Gottesstaat ausgesprochen hatte.

Frauenrechte und Religionsfreiheit unter Druck

Auch Menschen, die nicht katholisch sind oder von bestimmten kirchlichen Lehrpositionen abweichen, wären von den Folgen eines neo-integralistischen Staatsmodells betroffen. Rettenbacher nannte Überlegungen, nach denen die Rechte von Nichtkatholiken gesondert geregelt werden müssten. Bei Häresie oder Schisma könnten gar Bürgerrechte zur Disposition stehen. Die Ideologie sei deshalb nicht nur eine innerkirchliche Debatte, sondern werfe grundlegende Fragen nach Gleichheit vor dem Gesetz, Religionsfreiheit und demokratischer Teilhabe auf.

Zugleich würden Vorstellungen traditioneller Geschlechterrollen über Soziale Medien verbreitet, etwa durch die sogenannten "Tradwives", die ein Leben als Hausfrau und Mutter idealisieren. Walser warnte davor, solche Entwicklungen ausschließlich als private Lebensentscheidungen zu betrachten. Wenn patriarchale Rollenbilder politisch und religiös verallgemeinert würden, habe das Konsequenzen für die gesellschaftliche Stellung von Frauen und für demokratische Gleichberechtigung.
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