Leo XIV. besucht ab 8. November das gespaltene Heimatland seines Vorgängers Franziskus - Von Tobias Käufer (KNA)
Buenos Aires, 30.10.2026 (KAP/KNA) Papst Franziskus und Javier Milei gingen sich verbal einst hart an. "Dein Modell ist die Armut" warf der libertäre Politiker vor seiner Wahl zum Präsidenten Argentiniens dem Landsmann und Kirchenoberhaupt vor. Aus dem Vatikan kam postwendend eine Warnung vor "Rattenfängern", ohne Milei beim Namen zu nennen. Franziskus, der dem linksgerichteten Peronismus in volkswirtschaftlichen Fragen nahestand und Milei als Verfechter radikal marktliberaler Reformen fanden in der Debatte über die richtige Wirtschaftspolitik nie zueinander.
Damit standen sie stellvertretend für die Spaltung der argentinischen Gesellschaft in den linken Peronismus, der an staatliche Lenkung glaubt, und das rechte und libertäre Lager, das individuelle Freiheit und die Gesetze des Marktes für den richtigen Weg hält. Im Grunde aber wollten beide das Gleiche: die Bekämpfung der Armut. Der Papst setzte auf die Unterstützung von Sozialprogrammen und Hilfsprojekten. Milei predigte ein Wirtschaftswachstum, das auch die Armen mitzieht zu mehr Einkommen.
Bezieht der Papst Stellung?
In diesem inhaltlichen Konflikt befindet sich Argentiniens Gesellschaft weiterhin. Und Franziskus' Nachfolger Leo XIV. wird sich bei seinem Argentinien-Besuch ab 8. November seinerseits dazu positionieren, erwarten Beobachter. Übrigens begegneten sich Milei und Franziskus bei persönlichen Treffen durchaus herzlich. Als Franziskus im vergangenen Jahr starb, würdigte ihn der Präsident sogar als größten Argentinier aller Zeiten.
Der aus den USA stammende Papst Leo XIV. trifft in Argentinien auf eine katholische Kirche, die viele Besonderheiten aufweist. Unter anderem ist eine politisch linksorientierte Gruppe von Armenpriestern, die auch untereinander kontrovers diskutiert, sehr aktiv.
Padres contra Milei
Der spanische Geistliche "Padre Paco" Oliveira, ein vehementer Anhänger der kubanischen Revolution, steht für kompromisslosen Widerstand gegen die Milei-Politik. Es gelte sich zu entscheiden, auf welcher Seite man stehe, ließ er jüngst wissen. Padre Paco gehört zu jenen, die bei jeder Demonstration vor dem Kongress keinem Konflikt mit den Sicherheitskräften aus dem Weg gehen. Seine Kritiker werfen ihm vor, er wolle gezielt provozierende Bilder produzieren.
Andere wie Padre Lorenzo "Toto" de Vedia organisieren pazifistische Gedenkmärsche für Papst Franziskus. "Wir wollen, dass das Vermächtnis von Franziskus bestehen bleibt", sagt "Padre Toto", der in einem der Armenviertel der Hauptstadt Dienst tut. Hier hat man ein besonderes Auge auf die Auswirkungen der Reformen Mileis, der seit knapp drei Jahren regiert und im kommenden Jahr die Wiederwahl anstrebt.
Kirche von Franziskus geprägt
Die argentinische Kirche ist geprägt von Franziskus' Personalentscheidungen. Die meisten teilen seine politische Sicht der Dinge und üben deshalb offen Kritik an der Regierung. "Offensichtlich hat die Gesamtpolitik von Präsident Milei laut Experten in der Makroökonomie Früchte getragen", sagte Erzbischof Marcelo Colombo, der Vorsitzende der Argentinischen Bischofskonferenz, jüngst in einem Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Aber der Erzbischof von Mendoza sieht im Sparkurs auch große Nachteile: "Offenbar führt der Rückzug des Staates aus wichtigen Bereichen der Sozialpolitik gleichzeitig dazu, dass sich in den Armenvierteln bestimmte kriminelle Strukturen - etwa aus der Welt des Drogenhandels und der organisierten Kriminalität - leichter ausbreiten können."
Eine Skepsis, die auch Padre Toto teilt. Er berichtet über Beobachtungen, die den allgemein positiven Wachstumszahlen und der Rückgang der Armut widersprechen: "Wir nehmen wahr, dass viele Menschen heute Dinge benötigen, die sie sich früher leisten konnten; dass sie umziehen müssen, weil sie die Miete nicht bezahlen können und auf der Straße landen."
Inflation sinkt, Investoren kommen
Milei hält dagegen. Unter ihm ist die Inflation massiv zurückgegangen, kommen Investoren ins Land und ist der Staatshaushalt ausgeglichen. Der IWF prophezeit für das kommende Jahr eine spürbar wachsende Wirtschaft. Es wäre eine Punktlandung vor den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2027.
Doch nun kommt vom 8. bis 11. November erst einmal der Papst im Rahmen seiner elftägigen Lateinamerika-Reise in das Land seines Vorgängers. Eine offene Konfrontation mit dem Regierungskurs dürfte er dabei wohl eher nicht suchen. Statt der scharfen Gerechtigkeitsrhetorik eines Franziskus setzt Papst Leo XIV. eher auf einen diplomatischen Stil - ohne auf klare Appelle zu verzichten.